Aris Kalaizis

Als stünde er auf einem anderen Planeten

Für sein neues Buch war der Schrift­s­teller Stef­fen Kopet­zky auf der Suche nach Zeitzeu­gen der Leipzi­ger Kun­st­szene in den Achtzi­gern. In der hier vorlie­genden kur­zen Erzählung bes­chreibt Kopet­zky rückblickend seine Begegnung im Atelier Kala­izis, den Zigar­ren­rauch, sow­ie sein Her­ant­asten an das Rundb­ild "Hotel Noir".

Aris Kalaizis | Hotel Noir | Öl auf Holz | 120 cm | 2026
Aris Kalaizis | Hotel Noir | Öl auf Holz | 120 cm | 2026

Bevor eine Oper kom­poniert, ein Roman ges­chrieben und ein Bild gemalt ist, existiert das Werk in ein­er geisti­gen Vor­form, gran­di­oser als man sie jemals real­is­ier­en kann. Der zukün­ftige Schöp­fer sieht das Kunstwerk, kann es spüren, hören, wie es klingt und doch ist er so weit dav­on ent­fernt, als stünde er auf einem ander­en Plan­eten. Dieses Geheim­nis, das der Künst­ler mit sich trägt und nicht teilen kann, schafft eine Form von Ein­samkeit, die man erhaben find­en mag, die man jeden­falls aus­h­al­ten können muss. War­tet nur, bis ihr hören, lesen, sehen kön­nt, dann end­lich wer­det ihr ver­stehen, war­um ich so ver­schlossen war, was ich euch so lange nicht mit­teilen kon­nte, was ich immer schon gese­hen habe…

Nebelschlei­er in kos­mis­cher Gelassenheit


Ich war auf der Suche nach Zeitzeu­gen, die mir etwas über die Leipzi­ger Kun­st­szene der Achtzi­ger­jahre erzäh­len kön­nten, denn dort würde der Roman, an dem ich arbeite, spielen. Gewisse eigene Vor­stel­lungen von jen­er fernen Welt und den unge­heuren Werken, die dam­als dort geschaf­fen wur­den, hatte ich schon entwick­elt, wie ein Forscher viel­leicht Hypo­thesen aus den Funk­sig­nalen jen­er Ven­era-Sonden ableitete, mit den­en die Sowje­tunion die Venus, den Feuer­plan­eten, zu erforschen ver­suchte; doch was ich drin­gend brauchte, um mein­en Text irgend­wann aus mein­er Vor­stel­lung her­unter zu laden und schreiben zu können, war­en Menschen, die diese längst ver­gan­gene Welt, jen­en fernen Plan­eten des alten Leipzigs mit eigen­en Augen gese­hen hatten.


„Ich weiß nicht, ob ich helfen kann“, hatte mir Aris Kala­izis geant­wor­tet, als ich ihm unbekan­nter­weise ein­fach eine Mail mit der Bitte um ein per­sön­liches Tref­fen ges­chrieben hatte, „aber unter­hal­ten können wir uns gern“ – und das taten wir schließ­lich, tranken Riesling und freu­ten uns an den licht­en Rauch­schwaden sein­er Zigar­ren, die sich als duftende Nebelschlei­er in kos­mis­cher Gelassen­heit durch das Atelier bewegten und wieder verschwanden.


Es ist schwer zu erklären, was ein Autor bei der Recher­ché eines his­tor­ischen Stoffes eigent­lich sucht – jeden­falls ist es nicht so klar und eindeut­ig, wie die meisten ver­muten würden. Es sind oft die klein­sten Details, die den Blick auf die ferne Welt freigeben, in der man landen möchte. Aris jeden­falls erzählte und führte mich auf die Under­groundkonzerte der dam­als angesagten Punk­bands; in die Kantin­en, Kneipen und Kaf­fe­häuser. Zeigte mir den Maschinen­raum ein­er großen Leipzi­ger Off­set­druckerei, aus der­en aus­gemuster­ten Druck­bö­gen die Lehrlinge und jun­gen Arbeit­er wie er sich Büch­er zusam­men­suchen kon­nten, die es sonst nur im West­en gab. Wer­tvolle, begehrte Lit­er­at­ur. Und Aris war, erzählte er, immer schon ein entschieden­er Leser. Das war interess­ant. Wie das denn mög­lich war, woher die ver­boten­en Büch­er, woll­te ich wissen.


Lat­ente Gewalt, kos­mis­che Gleichgültigkeit, gran­di­ose Farben


„Ganz ein­fach“, sagte er und zog an sein­er Zigarre, „unsere Druckerei hat unter ander­em für den Insel-Ver­lag, für Suhrkamp und andere Ver­lage aus dem West­en gedruckt. Wir produzier­ten in hoher Qual­ität, aber viel gün­sti­ger.“ Dam­it und auch mit ein­i­gen ander­en Details aus dem Leipzig der Achtzi­ger­jahre hatte er den hun­gri­gen Recherchedä­mon, der zuwei­len in mir bren­nt, befriedet und uns beide sehr glück­lich gemacht. Er hatte mir richtig gutes Mater­i­al aus der faszini­er­enden frem­den Welt an die Hand gegeben, die ich in meinem Roman wiederaufer­stehen lassen wollte.


Dann erst kamen wir auf das bis­lang halb ver­deckte Bild hinter mir zu sprechen, das gerade vol­len­det worden war: „Hotel Noir“. Ich lernte den Maler und das Bild prakt­isch gleichzeit­ig kennen. Der erste Anblick dieses gar nicht so klein­en, eine dunkel­strah­lende phys­is­che Mächtigkeit aus­strah­lenden Tondo war etwas schock­i­er­end. Lat­ente Gewalt, kos­mis­che Gleichgültigkeit, gran­di­ose Farben. 


Marstheat­er. Karl Kraus‘ „Die let­zten Tage der Mensch­heit"


Was mir sofort ein­fiel: „Marstheat­er“. Karl Kraus‘ Drama „Die let­zten Tage der Mensch­heit“, das nur aus Ori­gin­al-Zit­aten zusam­menge­set­zte Riesentheat­er­stück über die mor­al­is­chen Kon­vul­sion­en und den Irrsinn des Ersten Weltkriegs war für ein sol­ches Marstheat­er ges­chrieben worden, so steht es jeden­falls in mein­er Karl-Kraus-Suhrkamp-Aus­gabe aus dem Jahr 1984, welche viel­leicht ja von Aris und sein­en dam­a­li­gen Kolle­gen gedruckt worden war.


Als mich Aris eine kur­ze Weile später fragte, ob ich ein­en klein­en Text zu dem Bild schreiben woll­te, da sagte ich zwar gerne zu, aber bald schon war „Marstheat­er“ als Arbeits­grundbe­griff ver­wor­fen. Eher woll­te ich in Rich­tung „Plan­eten­getriebe“ gehen. Ich woll­te keine Inter­pret­a­tion abgeben, son­dern viel­mehr aus dem viel­gestalti­gen Priv­ileg, das ich genießen durfte, Maler und Bild gleichzeit­ig zum ersten Mal zu sehen, und den Gründen, war­um ich über­haupt auf den beque­men Club­ses­sel in seinem Atelier zu sitzen gekom­men war, eine dynamis­che Bewe­gung in Text­form hin­bekom­men, viel­leicht so etwas wie ein­en Möbi­us­fal­ten­wurf in einem meister­lichen Gemälde.


Wie viele Wel­ten passen in ein Bild?


Genau wie Kala­izis‘ Tondo in drei Eben­en geteilt ist, dar­in viel­leicht auf Michelan­gelos ber­üh­mten „Tondo Doni“ ver­weis­end, der gleich­falls von ein­er Bühnens­itu­ation geprägt ist, hat auch der kleine Text, der anläss­lich sein­er Fer­tig­stel­lung ges­chrieben wurde, drei Eben­en. Das ihm zugrunde lie­gende Bild aber deutet an, dass selbst diese Dreit­eilung noch über­s­ch­rit­ten wer­den soll. Es immer weit­erge­hen muss. Hier wird die Mal­weise sozus­agen para­dox, weist auf mehr als sie darstellt. Aus dieser Betrach­tung heraus kön­nte man die näch­ste, noch umfassendere Frage for­mu­lier­en, die „Hotel Noir“ stellt: Wie viele Per­spekt­iven kann eine Geschichte haben? Wie viele Wel­ten passen in ein Bild?


©Stef­fen Kopet­zky, 2026

©Foto: Marc Reimann
©Foto: Marc Reimann

Stef­fen Kopet­zky, geboren 1971, ist Autor von Roman­en, Erzählun­gen, Hör­spielen und Theat­er­stück­en. 1997 wurde er beim Inge­borg Bach­mann-Wettbe­w­erb mit dem Pre­is des Landes Kärnten geehrt, 1998 erhielt er das Baldreit-Sti­pen­di­um der Stadt Baden-Baden, 1999 den Else-Lask­er-Schüler-Dram­atiker­preis und 2002 erschi­en sein viel­beachteter Roman «Grand Tour», in dem er seine Zeit als Sch­lafwa­genschaffn­er auf den Nachtzü­gen durch Europa ver­arbeitet. Sein Roman «Mon­schau» (2021) stand mon­atelang auf der Spiegel-Best­seller­l­iste, ebenso wie sein geo­pol­it­ischer Roman «Risiko» (2015, Long­list Deutscher Buch­pre­is). «Pro­pa­ganda (2019) war für den Bay­erischen Buch­pre­is nomin­iert, der Roman «Damen­op­fer» (2023) über die Revolu­tionärin Larissa Reiss­ner wurde auch in Itali­en begeistert auf­gen­om­men. 2025 ver­öf­fent­lichte Kopet­zky den Roman «Atom» und 2026 das erzäh­lende Sach­buch «Die Har­zre­ise. Eine Deutsch­lander­kundung», das sofort zum Best­seller wurde. Von 2002 bis 2008 war Kopet­zky künst­lerischer Leit­er der Theat­er-Bien­nale Bonn. 2007 war er Mit­gründer des Neuen Pfaf­fen­hofen­er Kun­stver­eins und stand diesem bis 2023 ehrenamt­lich vor. 2024 wurde er mit dem Lit­er­at­ur­preis der Stahl­stif­tung Eis­en­hüt­ten­stadt geehrt. 2026 wurde er zum Mit­glied der Bay­erischen Akademie der Kün­ste berufen. Er lebt mit sein­er Fam­ilie in sein­er Heimat­stadt Pfaf­fen­hofen an der Ilm.

© Aris Kalaizis 2026