Als stünde er auf einem anderen Planeten
Für sein neues Buch war der Schriftsteller Steffen Kopetzky auf der Suche nach Zeitzeugen der Leipziger Kunstszene in den Achtzigern. In der hier vorliegenden kurzen Erzählung beschreibt Kopetzky rückblickend seine Begegnung im Atelier Kalaizis, den Zigarrenrauch, sowie sein Herantasten an das Rundbild "Hotel Noir".

Bevor eine Oper komponiert, ein Roman geschrieben und ein Bild gemalt ist, existiert das Werk in einer geistigen Vorform, grandioser als man sie jemals realisieren kann. Der zukünftige Schöpfer sieht das Kunstwerk, kann es spüren, hören, wie es klingt und doch ist er so weit davon entfernt, als stünde er auf einem anderen Planeten. Dieses Geheimnis, das der Künstler mit sich trägt und nicht teilen kann, schafft eine Form von Einsamkeit, die man erhaben finden mag, die man jedenfalls aushalten können muss. Wartet nur, bis ihr hören, lesen, sehen könnt, dann endlich werdet ihr verstehen, warum ich so verschlossen war, was ich euch so lange nicht mitteilen konnte, was ich immer schon gesehen habe…
Nebelschleier in kosmischer Gelassenheit
Ich war auf der Suche nach Zeitzeugen, die mir etwas über die Leipziger Kunstszene der Achtzigerjahre erzählen könnten, denn dort würde der Roman, an dem ich arbeite, spielen. Gewisse eigene Vorstellungen von jener fernen Welt und den ungeheuren Werken, die damals dort geschaffen wurden, hatte ich schon entwickelt, wie ein Forscher vielleicht Hypothesen aus den Funksignalen jener Venera-Sonden ableitete, mit denen die Sowjetunion die Venus, den Feuerplaneten, zu erforschen versuchte; doch was ich dringend brauchte, um meinen Text irgendwann aus meiner Vorstellung herunter zu laden und schreiben zu können, waren Menschen, die diese längst vergangene Welt, jenen fernen Planeten des alten Leipzigs mit eigenen Augen gesehen hatten.
„Ich weiß nicht, ob ich helfen kann“, hatte mir Aris Kalaizis geantwortet, als ich ihm unbekannterweise einfach eine Mail mit der Bitte um ein persönliches Treffen geschrieben hatte, „aber unterhalten können wir uns gern“ – und das taten wir schließlich, tranken Riesling und freuten uns an den lichten Rauchschwaden seiner Zigarren, die sich als duftende Nebelschleier in kosmischer Gelassenheit durch das Atelier bewegten und wieder verschwanden.
Es ist schwer zu erklären, was ein Autor bei der Recherché eines historischen Stoffes eigentlich sucht – jedenfalls ist es nicht so klar und eindeutig, wie die meisten vermuten würden. Es sind oft die kleinsten Details, die den Blick auf die ferne Welt freigeben, in der man landen möchte. Aris jedenfalls erzählte und führte mich auf die Undergroundkonzerte der damals angesagten Punkbands; in die Kantinen, Kneipen und Kaffehäuser. Zeigte mir den Maschinenraum einer großen Leipziger Offsetdruckerei, aus deren ausgemusterten Druckbögen die Lehrlinge und jungen Arbeiter wie er sich Bücher zusammensuchen konnten, die es sonst nur im Westen gab. Wertvolle, begehrte Literatur. Und Aris war, erzählte er, immer schon ein entschiedener Leser. Das war interessant. Wie das denn möglich war, woher die verbotenen Bücher, wollte ich wissen.
Latente Gewalt, kosmische Gleichgültigkeit, grandiose Farben
„Ganz einfach“, sagte er und zog an seiner Zigarre, „unsere Druckerei hat unter anderem für den Insel-Verlag, für Suhrkamp und andere Verlage aus dem Westen gedruckt. Wir produzierten in hoher Qualität, aber viel günstiger.“ Damit und auch mit einigen anderen Details aus dem Leipzig der Achtzigerjahre hatte er den hungrigen Recherchedämon, der zuweilen in mir brennt, befriedet und uns beide sehr glücklich gemacht. Er hatte mir richtig gutes Material aus der faszinierenden fremden Welt an die Hand gegeben, die ich in meinem Roman wiederauferstehen lassen wollte.
Dann erst kamen wir auf das bislang halb verdeckte Bild hinter mir zu sprechen, das gerade vollendet worden war: „Hotel Noir“. Ich lernte den Maler und das Bild praktisch gleichzeitig kennen. Der erste Anblick dieses gar nicht so kleinen, eine dunkelstrahlende physische Mächtigkeit ausstrahlenden Tondo war etwas schockierend. Latente Gewalt, kosmische Gleichgültigkeit, grandiose Farben.
Marstheater. Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit"
Was mir sofort einfiel: „Marstheater“. Karl Kraus‘ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“, das nur aus Original-Zitaten zusammengesetzte Riesentheaterstück über die moralischen Konvulsionen und den Irrsinn des Ersten Weltkriegs war für ein solches Marstheater geschrieben worden, so steht es jedenfalls in meiner Karl-Kraus-Suhrkamp-Ausgabe aus dem Jahr 1984, welche vielleicht ja von Aris und seinen damaligen Kollegen gedruckt worden war.
Als mich Aris eine kurze Weile später fragte, ob ich einen kleinen Text zu dem Bild schreiben wollte, da sagte ich zwar gerne zu, aber bald schon war „Marstheater“ als Arbeitsgrundbegriff verworfen. Eher wollte ich in Richtung „Planetengetriebe“ gehen. Ich wollte keine Interpretation abgeben, sondern vielmehr aus dem vielgestaltigen Privileg, das ich genießen durfte, Maler und Bild gleichzeitig zum ersten Mal zu sehen, und den Gründen, warum ich überhaupt auf den bequemen Clubsessel in seinem Atelier zu sitzen gekommen war, eine dynamische Bewegung in Textform hinbekommen, vielleicht so etwas wie einen Möbiusfaltenwurf in einem meisterlichen Gemälde.
Wie viele Welten passen in ein Bild?
Genau wie Kalaizis‘ Tondo in drei Ebenen geteilt ist, darin vielleicht auf Michelangelos berühmten „Tondo Doni“ verweisend, der gleichfalls von einer Bühnensituation geprägt ist, hat auch der kleine Text, der anlässlich seiner Fertigstellung geschrieben wurde, drei Ebenen. Das ihm zugrunde liegende Bild aber deutet an, dass selbst diese Dreiteilung noch überschritten werden soll. Es immer weitergehen muss. Hier wird die Malweise sozusagen paradox, weist auf mehr als sie darstellt. Aus dieser Betrachtung heraus könnte man die nächste, noch umfassendere Frage formulieren, die „Hotel Noir“ stellt: Wie viele Perspektiven kann eine Geschichte haben? Wie viele Welten passen in ein Bild?
©Steffen Kopetzky, 2026

Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. 1997 wurde er beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb mit dem Preis des Landes Kärnten geehrt, 1998 erhielt er das Baldreit-Stipendium der Stadt Baden-Baden, 1999 den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis und 2002 erschien sein vielbeachteter Roman «Grand Tour», in dem er seine Zeit als Schlafwagenschaffner auf den Nachtzügen durch Europa verarbeitet. Sein Roman «Monschau» (2021) stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, ebenso wie sein geopolitischer Roman «Risiko» (2015, Longlist Deutscher Buchpreis). «Propaganda (2019) war für den Bayerischen Buchpreis nominiert, der Roman «Damenopfer» (2023) über die Revolutionärin Larissa Reissner wurde auch in Italien begeistert aufgenommen. 2025 veröffentlichte Kopetzky den Roman «Atom» und 2026 das erzählende Sachbuch «Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung», das sofort zum Bestseller wurde. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. 2007 war er Mitgründer des Neuen Pfaffenhofener Kunstvereins und stand diesem bis 2023 ehrenamtlich vor. 2024 wurde er mit dem Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt geehrt. 2026 wurde er zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste berufen. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm.